Ein Raum in Berlin. Lichtdurchflutet, hell. Eine Person steht mit entblößtem Rücken an einer Wand, im Arm einer anderen Person, und die Workshopleitung schlägt zu – erst sanft, dann härter. Schmerzspiel im BDSM.
Was geht Dir gerade durch den Kopf? Die verwirrte Frage „Warum machen die das?“ – oder ist Dein Kopfkino sofort angesprungen?
Wenn Du zur zweiten Gruppe gehörst, verstehst Du vielleicht schon, warum Du beispielsweise Schmerzen und Schläge empfangen möchtest… oder sie austeilen willst.
Dieser Blog richtet sich vor allem an die erste Gruppe. Denn die Verwunderung über BDSM- und Kink-Praktiken und die Frage, was es den Beteiligten bringt, erreicht mich häufig. Meist von Menschen, die sich im „normalen Bereich“ (wie auch immer wir den definieren) sehr wohl fühlen. Die verstehen, wie Berührung zu Lust wird und Stimulation von Körperteilen zu Erregung.
Das gibt es auch im Kink. Ich durfte schon Menschen erleben, die von Schmerz geil werden. In der richtigen Dynamik wurde meine Aktion in Lust übersetzt: ein Schlag mit der Hand, ein Kneifen an den Brustwarzen, ein Rohrstock an den Fußsohlen, Strom an den Hoden.
(Wichtig: Schmerzspiel ist nur eine Facette im BDSM. Ich bleibe aber für diesen Blog bei dem Bereich als Beispiel.)
Wenn das „Warum?!“ immer an Erregung geknüpft wäre, ließe es sich vermutlich leichter erklären. Doch geschlagen werden möchten längst nicht nur die Menschen, die das lustvoll finden.

Bild: Ezkol Arnak via Pexels
Weitere Gründe für Schmerzspiel:
Schmerz bringt Dich vom Kopf in den Körper. Er macht Dich präsent und bringt Ruhe ins innere Chaos.
Er schafft eine Spannung in der Begegnung. Eine Dynamik. Vielleicht ein Machtgefälle. Das kickt wiederum psychisch.
Apropos: Schmerz setzt körpereigene Drogen frei. Er macht schlicht high. Manche Menschen haben da mehr Zugang als andere.
Neugier auf neue Erfahrungen. Du siehst, wie eine Person genüsslich gepeitscht wird und merkst – das fasziniert mich. Ohne es auszuprobieren, wirst Du nicht wissen, ob es Dir gefällt.
Und viele mehr.
Warum ich mit Schmerzen spiele
Als aktiver Part (Top, Domina, Mastress, wie auch immer Du es benennst) genieße ich es, meinem Gegenüber genau das zu geben, was er/sie sich wünscht. Ich bin im Service – das gibt mir viel jenseits von Erotik.
Zudem hab ich einen Reaktionsfetisch. Heißt: Ich liebe es, positive Regungen in meinem Gegenüber hervorzurufen. Wenn ich weiß, diese Person wird durch Schmerzen geil – dann kann auch ich, brave Jay, sehr fies werden.
Der einvernehmliche Rahmen
Das alles passiert immer in einem abgesprochenen Rahmen. Wir reden vorab und klären, warum die Person das will. Welche Art von Schmerzen sie mag. Ob es Lustschmerz bleiben soll oder auch in Grenzbereiche hin zu „zu viel“ gehen kann.
Und vor allem: wie sie signalisiert, dass es ihr zu viel wird oder etwas ungut ist. Dafür gibt es z. B. das Ampelsystem. Wenn alles gut ist – „grün“. Nähern wir uns dem „zu viel“ oder löst etwas Widerstände aus, kann sie „gelb“ oder „orange“ sagen. (Manche Menschen wollen explizit im orangen Bereich spielen.)
Bei „rot“ ist sofort Stopp mit dem, was gerade passiert. Dann checke ich ein – was braucht die Person? Abstand, Pause, Gehalten-Werden… Und wir schauen: Was hat das Rot ausgelöst?
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Kink und Gewalt: Bei einem Übergriff verliert ein Mensch die Kontrolle. Im Schmerzspiel behält sie die Person, die empfängt. Sie wählt, was passiert, sie führt durch ihre Grenzen, und ein einziges Wort hält alles an. Empfangen ist eine aktive, selbstbestimmte Entscheidung – und verlangt Stärke, Mut und Vertrauen.
Zum Abschluss gibt es Nachsorge. Das gehört für mich als Top fest dazu und ist gesetzt. Einchecken, kuscheln, Tee trinken, reden – was es gerade braucht. Und was oft vergessen wird: Auch die aktive Seite kann Nachsorge brauchen. Aftercare ist immer für beide Seiten wichtig.
Die Gründe meiner Gäste sind entsprechend vielfältig. Vieles davon unterstütze ich gerne, z. B. Neues entdecken oder herausfinden, ob BDSM überhaupt etwas für sie ist und wie sie auf Schmerzen in einem lustvollen Setting reagiert.
Was sind aber nun meine Gründe?

Warum lasse ich mir wehtun?
Denn die Person zu Beginn, die von der Workshopleitung geschlagen wurde – das war ich. Ich hatte mich für eine Demo bereiterklärt und wurde von Kristina Marlen mit drei verschiedenen Peitschen „vermöbelt“.
Das ist aber alles andere als martialisch. Zu Beginn gab es ein inniges Einchecken, gefolgt von einem behutsamen Herantasten und Steigern – um sicherzugehen, dass es sich gut anfühlt, auch für mich. Oder eben auch in den Grenzbereich geht, den ich bei diesem Workshop bewusst erforschen wollte.
Ich war sehr gespannt, wie es ist, wenn ein Profi mir Schmerz zufügt – und ob das etwas anderes auslöst als in anderen Situationen.
Der erste Grund: Neugier
Ich weiß um die biochemischen Prozesse, die bei Schmerz ablaufen, und verstehe, dass daraus eine intensive körperliche Reaktion entstehen kann, die mich high macht. Das möchte ich gerne erfahren. Allerdings musste ich feststellen, dass mein Körper darauf kaum anspringt. Erst der Versuch hat es mir gezeigt.
Dieser Rausch bleibt bei mir aus. Bei vielen Reizen ist ohnehin schnell der Punkt erreicht, an dem es zu viel wird – meine Schmerztoleranz ist niedrig.
Der zweite Grund: Machtdynamik
Dieser Grund ist psychologischer Natur. Ich habe eine dominante, aber eben auch eine hingebungsvolle Seite. Wenn ein Machtgefälle besteht, ist Schmerz für mich ein Mittel, um diese Spannung zu verstärken und ihr Ausdruck zu verleihen.
Das beste Beispiel dafür sind Ohrfeigen.
Wenn Du nun denkst „Was?! Ich kann doch keiner Person eine Ohrfeige geben!“, dann ist das ein guter erster Impuls. Auch ich hatte anfangs großen Widerstand gegen Ohrfeigen.
Beim Workshop in Berlin durfte ich eine Trockenübung mitmachen, also abseits von jeder Erotik. Es ging nur um die Geste, um sie zu geben. Dabei kommt auch viel Technik ins Spiel. Also bitte erst mit einem Menschen reden, ob der das kann, bevor Du es ausprobierst!
Jedenfalls hatte ich ein Gegenüber, das den Ohrfeigen viel abgewinnen konnte. Die Geste allein reichte, um bei ihr eine lustvolle Regung auszulösen. Das hat mich wiederum angespornt, und so fand ich es fast berauschend, die Person zu sein, die diese Ohrfeige gibt.
Stell Dir das mal vor: Eine Person gibt Dir die Erlaubnis, ihr eine Ohrfeige zu geben, und Du tust es und stellst fest, dass die andere Person das mag, und Du tust es wieder. Das ist schon etwas Heftiges. Vertrauen, Hingabe… wow.
Ich verstehe aber auch jeden, der damit gar nichts anfangen kann. Wer als Kind Ohrfeigen zur Strafe bekam, erotisiert sie als Erwachsener meist nicht – wobei es Ausnahmen gibt.
Ohrfeigen zu bekommen? Das ist für mich sehr von der Situation abhängig. Es braucht zum einen schon eine gewisse Erregung und Lust. Die Trockenübung beim Workshop fand ich aufschlussreich, weil ich gemerkt habe, wie wenig mir das gibt – auch wenn dieser Bruchteil-Moment von Schmerz und Situation (Ich lasse es bewusst zu) reizvoll sein kann.
Neben Erregung muss dann auch die Konstellation stimmen, und ich muss spüren, dass mein Gegenüber die Ohrfeige gern gibt. Merke ich, dass er oder sie das eigentlich nicht mag und nur tut, um mir einen Gefallen zu tun, verliert die ganze Situation ihre Freude. Wichtig ist eben: Auch die aktive, dominante Seite achtet auf ihre Grenzen.
Der dritte Grund: Lustschmerz
Was ist denn jetzt bitte schon wieder Lustschmerz? Die Frage kann ich total verstehen. Ich hatte sie auch sehr lange, bis ich es einmal selbst erleben durfte, dass mein Kopf zum Beispiel sagte „Oh, das tut weh“, aber mein Körper eine ganz andere Reaktion hatte (Klartext: ich wurde feucht).
Lustschmerz ist für mich zum Beispiel ein festes Zupacken. Geht es tief ins Gewebe, darf es auch mal heftiger werden.
Dumpfen Schmerz mag ich durchaus gerne – alles, was in die Tiefe wirkt, wie breite Peitschen oder ein Paddle. Wobei ich viel lieber die Haut meines Gegenübers spüre, um die Verbindung zu halten. (Auch als Top brauche ich viel Hautkontakt.)
Was für mich die Lust total wegnimmt, ist spitzer Schmerz, also alles, was scharf zwirbelt. Rohrstöcke sind für mich eine üble Sache, die ich lieber meide, weil ich weiß, dass sie mir nicht guttun.
Dann gibt es unterschiedliche Stellen an meinem Körper, bei denen Lustschmerz eher ankommt als an anderen. Beim Workshop hatten wir z. B. das Thema Schläge in den Genitalbereich. Anscheinend stehen viele Menschen mit Vulva darauf, auch mal einen Klaps oder einen härteren Schlag auf die Vulva zu bekommen. Bei mir ist das anders: Ein etwas festerer Klaps auf meine Vulva, und schon ist alles vorbei – dann können wir wieder zusammenpacken.

Der springende Punkt: Kontext
Dabei ist das Entscheidende beim Schmerzspiel – und generell bei sexuellen Begegnungen – der magische Kontext. Ich würde sagen, 95–99 % der Menschen, die Schmerz mögen, brauchen dazu die passende Situation und Stimmung. Kaum jemand wird in die Brustwarzen gezwickt, einfach so, zufällig im Vorbeigehen, und bekommt davon eine Erektion oder wird feucht.
Ich bin extrem feinfühlig, was mein Gegenüber angeht. Manche Dynamiken entstehen nur mit bestimmten Menschen, während andere etwas ganz anderes in mir auslösen.
Zudem kommt noch die Tagesform: Hatte ich einen anstrengenden Tag, bin ich viel im Kopf. Wo stehe ich gerade im Zyklus? Habe ich gut geschlafen? All das beeinflusst meine Schmerztoleranz – und wie solche Impulse im Körper ankommen.
Früher dachte ich: Ich mag keine Schmerzen. Nun weiß ich, dass das alles viel nuancierter und komplexer ist, als ich es mir je erträumt hätte. Und die Frage, warum Menschen das tun, habe ich hier nur angekratzt.
Deshalb bin ich neugierig auf Dich: Zu welcher Gruppe zählst Du Dich – die mit dem fragenden „Warum machen die das?“ oder die mit dem Kopfkino, das sofort ansprang? Und hat sich beim Lesen etwas verschoben?
Und wenn Dich das Thema packt: Was möchtest Du genauer wissen? Welche Frage begleitet Dich schon länger, worüber möchtest Du mehr lesen – oder wovon soll ich aus meiner eigenen Erfahrung erzählen? Schreib es mir in die Kommentare.



Dir vielen Dank für diesen Einblick Jay!
Denke ebenfalls, dass das Schmerzumfeld komplex ist. Kann durchaus härtere Massagen gut finden in der Hoffnung, dass die Faszien sich besser lösen und der Spannungsschmerz löst und die Beweglichkeit zunimmt.
Ich selber hasse Schmerzen, schön wenn es gesunde Menschen gibt, die darauf stehen. Ich kenne Menschen die 24/7 unter Schmerzen leiden aufgrund neurologischer Gegebenheit. Ich bin jedes Mal zutiefst berührt und weiß eigentlich gar nicht mehr was ich sagen soll. Das Wort Schmerz aggregiert vermutlich aber auch soviel unterschiedliche Arten von Schmerz, dass der Begriff Schmerz unterschiedlich gedeutet werden kann.
Mich würde mal interessieren ob Menschen, die in Ihrem Leben bisher wenig Schmerz erfahren mussten eher auf „Schlagen“, „Ohrfeigen“ und „Schmerzen“ stehen, als Menschen, die schon viel Schmerzen ertragen mussten.
Weiß tatsächlich nicht, ob ich strammeres Zupacken als Schmerz Zuführung verstehe. Schätze grundsätzlich auch einen strammeren Händedruck als einen weicheren.
Hier ist immer von körperlichem Schmerz die Sprache. Wie sieht es eigentlich mit potentiell psychischem Schmerz aus, wie potentiell bspw. bei Cuckold und Erniedrigung,
Grundsätzlich ist es schon differenzierter und ist vermutlich komplett individuell, genauso wie die Lebensläufe der Menschen, die da aktiv sind.
Liebe Jay,
Dieser, Dein wunderschöner Blog „Warum“ ist mit der Frage nach Bedeutung von Hingabe nicht zu trennen. Warum also Menschen das machen, kann ich nur mutmaßen, aber ich bin auf dem Weg der Erkenntnis, warum ICH das mache. Ich unterscheide 2 Ebenen: Sachlich und sinnlich.
Die Sinnliche voran: Hingabe (Kopfarbeit) und Körperlichkeit (eben auch durch Schmerz) bedeuten für mich einen anderen Bewusstseinszustand. Total bekloppt dabei ist, dass ich den Moment der Hingabe gerne als Ausgeliefertsein mittels verschiedenster Szenarien erleben möchte, andererseits meine Dankbarkeit auch loswerden möchte, also eher etwas mit einer Bizarrlady anfangen kann denn mit einer klassischen Domina. (Kleines Outing/Beispiel über das Empfinden von Schmerz als Lust – andere mögen das Gegenteil empfinden- : Nachdem auf meinem Hintern das Paddle zum Einsatz kam, habe ich den darauffolgenden Flogger als Streicheln genossen. Und um auf die Frage meines Vorredners einzugehen: Erniedrigung, also psychischer Schmerz (z.B. durch Anspucken, verbal u.v.m.) dient dazu, mich in dem Bewusstseinszustand zu halten, ist also gute Führung.) Insgesamt ja; auch ich brauche Verbindung, also sensibles BDSM.
Rein sachlich: Ich gehöre jener Generation an, denen die Bedeutung des Wortes „kink“ schlicht aus Unkenntnis nicht beigebracht wurde. Ich war es also schon immer, konnte es nur nicht benennen geschweige denn begreifen. Endlich endlich suche und finde ich Räume, wo ich kinky sein darf, stieß ich doch in meiner Jugend und auch noch lange als Erwachsener auf totales Unverständnis. Ein weiterer sachlicher Fakt ist die nicht hoch genug wertzuschätzende genaue Absprache dessen, was passieren darf.
Zusammenfassend: Neugier, Machtdynamik, Lustschmerz, Konsenz – alles daran passt für MICH, muss es nicht für jeden.