Das Gesicht glatt und strahlend, die Haut makellos, das Bindegewebe so straff wie eine Zeltplane. Wenn ich mir die Bilder von manchen Kolleginnen ansehe, frage ich mich inzwischen immer öfter: Was daran ist echt? Was hat die KI generiert oder zumindest bearbeitet?

Im nächsten Moment bleibt mir der Zynismus im Halse stecken. Denn auch ich bin im kleinen Maße schuldig. Wo ist die Grenze? Wann wird aus „bearbeitet“ ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit?

Von Pickel bis Person

Die Möglichkeiten sind aktuell schier endlos: Zu wenig Lichteinfall in einem Portrait? Das kann die KI einfügen. Der Tisch verdeckt einen Teil des Beins? Schnell rausretuschiert. Der Schminktisch ist noch nicht geliefert, soll aber ins Bild? KI fügt ihn ein.

In diesem Licht sind meine Falten besonders deutlich – kein Problem! Lässt sich per App reduzieren. Pickel auf der Wange? Klick und weg. Die Nase zu präsent? Schnell kleiner gezogen. Bindegewebe am Oberschenkel fällt unvorteilhaft auf? Mit ein paar Schritten glattgezogen.

Keine Zeit für ein Fotoshooting? Füttere die KI mit genug Material und erstelle Szenen, die nie stattgefunden haben. Letzteres geht so weit, dass es inzwischen ganze Profile mit vollständig KI-generierten Bildern gibt. KI-Influencer erreichen bereits heute Millionen.

Was auch ich bearbeite

Einen Teil der Möglichkeiten nutze auch ich. Der Schminktisch in der Suite des Refugium Divine sieht beispielsweise anders aus, doch neue Fotos dauern noch.

Auch Pickel und temporäre Hautunreinheiten mache ich mit wenigen Klicks weg. Dieselbe App entfernt übrigens die Geotags in den Metadaten – und schützt damit mich und die Menschen, die mich besuchen.

Andere Bearbeitungen hätten den gegenteiligen Effekt. Würde ich meine Nase schmaler ziehen, verstecke ich mich vor Dir. Das ist ein Unterschied, den ich mir immer wieder klarmache.

Oder eher: klarmachen muss.

Der Maßstab, den keiner erfüllt

Denn wir versuchen alle, in derselben Welt zu überleben. Perfekt ausgeleuchtete Fotos. Videos mit Filtern in Echtzeit. Kaum jemand traut sich, mit angeblichen Makeln sichtbar zu sein. Und wer zufällig in der genetischen Lotterie gewonnen hat, fürchtet, es wieder zu verlieren – weil die Standards sich sowieso ändern.

Wenn Du den ganzen Tag nur glatte Haut siehst, wird der Vergleich damit irgendwann automatisch. Auch wenn Dir bewusst ist, dass er hinkt. Auch wenn Du weißt, dass die Bilder, die Du siehst, bearbeitet sind.

Daraus ergibt sich ein Teufelskreis: Perfekte Bilder führen zum Impuls, zu retuschieren. Retuschierte Bilder gleichen sich den Perfekten an. Mehr perfekte Bilder im Netz erzeugen mehr Impulse.

Diesen Teufelskreis versuche ich zu durchbrechen, zumindest in meinem kleinen Kosmos. Was mir keineswegs immer gelingt.

Mein Finger am Regler

Ich starre auf das Foto in der App. Ein Selfie, wie die meisten meiner Bilder. In diesem hier sind meine Lachfalten sehr präsent. Doch das könnte ich ändern. Wie weit soll ich den Regler schieben?

Drei identische Selfies von Jay, jeweils unterschiedlich bearbeitet: Original, Falten retuschiert, dann Falten und Augenringe.

Oder meine Nase. In der Perspektive wirkt sie größer, als sie wirklich ist. Ein paar Klicks und sie wäre kleiner.

Wie oft hatte ich den Regler schon rübergezogen und dann wieder auf rückgängig geklickt? Ich weiß es nicht.

Genau deshalb verstehe ich die Kolleginnen.

Weichgezeichnet wider Willen

Deshalb lasse ich meine Bilder seit zwei Jahren nur minimal nachbearbeiten. Umso spannender, dass mein Kommentar beim ersten Shooting mit Ralph Rosenberger unterging.

„Bitte keine Retusche, ich will so aussehen wie ich aussehe“, war meine Aussage. Doch ich bekam retuschierte Bilder. Er selbst bevorzugt Natürlichkeit, kennt aber den Standard. Genau das ist die Krux: Retusche ist so selbstverständlich, dass sie keiner Erwähnung mehr bedarf.

Im Nachgang nahm Ralph freudig die Weichzeichner wieder raus. Dadurch habe ich nun zwei Versionen desselben Fotos. Erkennst Du den Unterschied?

Zwei Bilder von Jay Stark im weißen Hemd im Regen, einmal weichgezeichnet am Po, einmal mit normaler Haut.

Bauch Beine Po sind beliebte Stellen für Retusche.

Zwei Bilder von Jay nach vorne gebeugt auf dem Bett. Einmal ist ihr Po glatt retuschiert, einmal normal.

Oder auch meine Oberschenkel…

Zwei Fotos von Jay im weißen Hemd, Beine überkreuz. Einmal sind die Beine weichgezeichnet, einmal nicht.

Besonders fasziniert hat mich dieses Paar:

Zwie Bilder von Jay im Body: links mit weichgezeichneter Haut, rechts natürlich.

Die Unterschiede mögen auf Dich klein wirken. Doch sie schwingen mit. 

Jay im weißen Hemd bei Regen streckt die Arme aus. Links mit retuschiertem Po, rechts normal.

Ehrlich ich statt Verrenkungen

Früher hätte ich manche dieser Bilder nie gezeigt. Zu weit weg bin ich vom Ideal, das mir die Schönheits- und Wellness-Industrien eingetrichtert haben. Modelmaße, keine Falten, straffe Beine, flacher Bauch, schlanke Arme, eingepackt in feminin-verführerischen Flair.

Das war ich nie und werde ich auch nie sein.

Heute weiß ich, dass genau das der Grund ist, warum ich bei den Menschen auf Resonanz stoße, die mich treffen wollen. Ich bin das (queere) Girl Next Door, eher burschikos, attraktiv auf meine einzigartige Art.

Und das darf – nein, muss – auch in meinen Bildern rüberkommen. Menschen, die mich treffen, treffen die Person, die sie von den Bildern kennen. Kein peinlicher Moment, wenn wir uns im Restaurant begegnen und sich der Gast denkt: „Sie sieht aber anders aus als auf den Fotos.“

Denn wenn Bilder und Realität nicht übereinstimmen, was stimmt sonst nicht?

Warum es keine Eitelkeit ist

Dabei verstehe ich zum Teil, warum manche Kolleginnen so handeln. 

Wenn Du um Dich herum nur erfolgreiche, perfekt retuschierte Model-Escorts siehst, dann liegt der Glaube nahe, dass Du ohne Filter und Retusche keine Anfragen bekommst. Und ohne Anfragen kein Einkommen.

Das ist keine Eitelkeit. Das ist Existenzangst.

Auch ich hatte verdammt viel Angst. Auch ich gerate immer wieder in Versuchung. Doch die Wahrheit: Meine Anfragen kommen, gerade weil ich mich so zeige, wie ich bin.

Die Grenze habe ich für mich gefunden. Pickel retuschieren, Hautunreinheiten reduzieren – das ist für mich akzeptable Bearbeitung. Eine ganz andere Bindegewebsstruktur oder ein anderer Körper wäre Täuschung. Und wer täuscht, verkauft ein Versprechen, das er beim Treffen nicht halten kann. Das fällt negativ auf uns alle zurück.

Ganz sauber ist diese Grenze allerdings nicht. Denn längst bevor eine App ins Spiel kommt, entscheide ich, wie ich mich hinstelle. Es gibt Posen, die meinen Bauch zeigen, und Posen, die ihn verschwinden lassen. Beide wirken ähnlich locker. Wann ist es noch Perspektive? Ab wann Beschönigung oder gar Täuschung? Darüber schreibe ich demnächst ausführlicher.

Zurück zur Grenze: Ja, sich natürlich zu zeigen ist ein Risiko. Vielleicht springt jemand ab. Aber wer wegen einer Falte abspringt, wäre auch beim Treffen kein guter Gast gewesen.

Was Vergleichen kostet

Den Vergleich kenne ich, seit es für mich noch gar keine App gab. Als Teenager sah ich dieselben Idealbilder, von denen ich so weit entfernt schien – nur ohne die Möglichkeit, mich hinter einem Regler zu verstecken. Also veränderte ich, was ich verändern konnte: mich.

Aus gesundheitsbewusstem Kalorienzählen wurde zwanghaftes Verhalten und eine Essstörung, die mir ein Jahrzehnt Lebensfreude gekostet hat, das ich nie zurückbekomme. Wie ich da wieder rausgefunden habe, erzähle ich in „Warum ich diese Bilder nie zeigen wollte (und es nun doch tue)“.

Vergleichen hat seinen Preis. Auf mehreren Ebenen.

Und trotzdem 

Und trotzdem sitze ich immer wieder vor dem Regler. Ein Bild aus dem Urlaub. Sonne von der Seite, jede Lachfalte präzise ausgeleuchtet. Mein Daumen liegt schon da.

Ich bewege ihn nicht. Stattdessen drücke ich auf exportieren. 

Und Du? Was denkst Du zu retuschierten Bildern? Und – falls Du magst – was retuschierst Du eigentlich?

One Comment

  1. Rene 19. Juli 2026 at 07:50 - Reply

    Danke für diesen ehrlichen Einblick. Besonders stark fand ich den Gedanken, dass die eigentliche Grenze nicht zwischen „bearbeitet“ und „unbearbeitet“ verläuft, sondern zwischen einer kleinen Korrektur und einer Darstellung, die Erwartungen weckt, die in der Realität nicht erfüllt werden können.
    Ich glaube, viele unterschätzen, wie groß der Druck geworden ist – nicht nur in der Escortbranche, sondern überall dort, wo Menschen sich online zeigen. Gleichzeitig erinnert dein Artikel daran, dass Authentizität nicht bedeutet, auf jede Bearbeitung zu verzichten, sondern bewusst zu entscheiden, was man zeigt und warum.
    Der Satz, dass jemand, der wegen einer Falte abspringt, vermutlich auch im echten Leben kein guter Gast gewesen wäre, ist mir besonders hängen geblieben. Das wirkt auf mich nicht trotz, sondern konsequent.
    Danke, dass du auch die eigene Unsicherheit nicht ausklammerst. Gerade das macht den Text glaubwürdig.

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