Geschrieben im Sommer 2025, überarbeitet im Frühjahr 2026, mit PS vom Juni 2026
Gerade klicke ich mich durch knapp siebzig Bilder, die bei einem spontanen Fotoshooting im Urlaub entstanden sind. Es war abends, bei Sonnenuntergang, und mein Beziehungsmensch ließ sich hinreißen, Fotograf zu spielen.
Darunter sind einige wunderbare, sinnliche Schnappschüsse, die ich auch schon in einem Newsletter geteilt habe.
Oder auch solche Aufnahmen, mitten in der Bewegung und voller Freude:

Auch die Bilder von meinen Lachflashs mag ich, da ich meine fröhliche Natur sehr schätze und mich freue, sie auf Fotos zu sehen.
Doch unter den Aufnahmen sind auch Bilder, die ich am liebsten verstecken möchte.
Bei denen ich mir denke: “Nein, so kann ich mich nicht öffentlich zeigen.”
Wenn ich Dir diese Bilder präsentiere, wirst Du vermutlich nicht gleich verstehen, warum ich so denke.
Hier ein Beispiel:

Es ist lediglich leicht zensiert, da ich keine “Nudes” posten möchte.
Um mein Zögern zu verstehen, brauchst Du Kontext. Viel Kontext.
Hol Dir also noch was zu trinken und mach’s Dir gemütlich.
Mein holpriger Weg zur Körperakzeptanz
Wie Du vielleicht weißt, ist es mir absolut wichtig, dass sich Menschen jeder Art bei mir willkommen fühlen. Ich treffe mich mit Menschen, egal wie sie aussehen, wie beweglich sie sind oder wie umfangreich ihr Körper ist.
Und ich erlebe in jedem Treffen Momente purer Schönheit. Denn das Bewusstsein, dass alle Menschen schön sind, spüre ich seit Jahren in der Tiefe meines Seins. Ich habe es inzwischen als fundamentale Erkenntnis in meinen Alltag und meinen Beruf integriert.
Das ist bei mir keine Floskel. Und damit bin ich nicht allein – auch in der Ausbildung zum S*EXPLORATIV COACH ist diese bedingungslose Akzeptanz anderer Menschen ein Grundpfeiler.
Aber es gibt einen Haken: So sehr ich auch die Schönheit in anderen Menschen sehe, so sehr ich andere wertschätze und radikale Akzeptanz bei den Menschen lebe, mit denen ich mich treffen darf – beim Blick auf mich selbst hakt es ganz gewaltig. Und das schon so lange, dass ich nicht weiß, wie es ohne war.
Ein lächerliches Paradox
Das mag sich für Außenstehende widersprüchlich und lächerlich anhören. Menschen zahlen hohe Summen, um Zeit mit mir zu verbringen – und eben auch mit meinem Körper in Kontakt zu treten. Der ist bei Sexualität eben ein wichtiger Faktor.
Diese Tatsache hat mir auf meinem Heilungsweg schon enorm geholfen. Als ich mit Escort anfing, war ich unsicher, ob jemand überhaupt “mit so jemandem wie mir” gegen Bezahlung intim werden will.
Ich bin eben weit entfernt von den eleganten Supermodels, die ich auf Agentur-Webseiten sehe.
Ich bin kurviger. Ich habe zwar schöne Proportionen und einen tollen Hintern, aber entspreche eben nicht dem Idealbild, was ich seit meiner Kindheit medial und gesellschaftlich vermittelt bekommen habe. Ich bin mit dem “Heroin Chic” der 1990er groß geworden, wo extremes Dünnsein mit Schönheit gleichgesetzt wurde – ein Trend, der leider gerade wieder aufkommt, auch dank Medikamenten wie der Abnehmspritze.
Ja, viele Menschen sind mit sich unzufrieden, würden gerne etwas ändern und X Kilo abnehmen. Dafür sorgt schon allein die Wellness- und Fitness-Industrie mit ihren perfekt retuschierten Körpern und faltenfreien Gesichtern.
Bei mir hat das noch extremere Züge. Bei mir sind solche Gedanken sehr häufig, sehr laut, sehr präsent und sehr einschränkend. Gewesen, würde ich gerne sagen, aber sie sind noch da.
Der springende Punkt für Dich zum besseren Verständnis: Diese Gedanken sind nicht allgemein auf meine Figur, sondern auf einzelne Körpermerkmale bezogen.
Das nennt sich “körperdysmorphe Störung”, im Englischen “Body Dysmorphic Disorder” oder BDD – ein Thema, das eng mit meiner Essstörung und Depression verwoben ist und das ich bisher kaum beim Namen genannt habe. Das fühlt sich inzwischen falsch an, denn die körperdysmorphe Störung ist das, was allem zugrunde liegt.
Was ist eine Körperbildstörung?
Laut der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen leiden daran 2% der Gesamtbevölkerung.
Was ist das genau? Mal auf Medizinisch offiziell: “Eine körperdysmorphe Störung liegt vor, wenn die übermäßige Konzentration auf einen oder mehrere eingebildete oder leichte Defekte im Erscheinungsbild einen erheblichen Leidensdruck verursacht oder die Arbeits- und/oder Lebensweise beeinträchtigt.” [Quelle]
Darin findet sich auch der Unterschied zu Unzufriedenheit. Ich kenne Menschen, die mit sich im Reinen sind, aber manchmal ihren Bauch oder ihre Arme sehen und sich denken: “Ach, da sollte ich mal bisschen was ändern”.
Das aus meiner Sicht besondere bei diesen Menschen: Sie leben dann weiter. Es juckt sie mal mehr, mal weniger – doch es schränkt sie nicht ein.
Bei mir und anderen Menschen mit einer körperdysmorphen Störung bleibt der Gedanke hängen. Kreist weiter. Zieht Dich in die Tiefe. Mindestens eine Stunde pro Tag geht laut der Internationalen Gesellschaft für Zwangsstörungen (International OCD Foundation) dafür drauf.
Auch das ist ein Spektrum. Bei manchen Betroffenen sorgen diese Gedanken dafür, dass sie zwei Stunden vor dem Spiegel stehen, jeden der angeblichen “Makel” analysieren, zig mal ihr Styling, Outfit oder Makeup ändern, bevor sich sich überhaupt trauen, rauszugehen. Vielleicht hilft Dir das Bild von Menschen mit Zwängen, die z. B. einundzwanzig Mal kontrollieren müssen, ob das Licht aus ist, bevor sie guten Gewissens außer Haus gehen können.
Das schränkt ein, und zwar massivst. Das raubt Lebensenergie und vor allem Lebensfreude. Und nein – Betroffene können damit nicht “einfach aufhören”. Sonst würden wir es tun, glaub mir.
Meine Erfahrung mit der körperdysmorphen Störung
Bei mir äußert sich das durch exzessives “body checking”, also der Kontrolle des Körpers im Spiegel. Worauf sich eine Person mit körperdysmorpher Störung “einschießt”, ist unterschiedlich. In einem Podcast erzählte ein Betroffener, dass es erst seine Haare mit zig Mal Umstylen waren, dann sein Outfit mit zahlreichen Wechseln, bevor er das Haus verlassen konnte.
Früher bemerkte ich jede kleinste Veränderung im Spiegel. Fast jeder Zentimeter stand unter Beobachtung. Inzwischen hat sich die Zahl der “Areale” meines Körpers, die ich kontrolliere, drastisch reduziert, aber einzelne Kriegsschauplätze sind noch da.
Doch im Spiegel sehe ich nicht das, was Du siehst.
Mein Blick ist verzerrt, ausgerichtet auf die Makel, die ich seit über 25 Jahren verinnerlicht habe. Aus der Zeitspanne erkennst Du vielleicht auch die Schwere der Belastung. Ich kann mich an keinen Moment in meinem Leben erinnern, an dem ich nicht an dieser körperdysmorphen Störung gelitten habe.
Dazu kam dann noch die Essstörung und Depression, die mich über acht Jahre meines Lebens begleitet und mich die 20er gekostet haben.
Mit Ende 20 dachte ich, ich sei auf dem Weg der Heilung. Doch richtig in die Tiefe, an die Wurzel der körperdysmorphen Störung, bin ich erst in den letzten zwei Jahren in Therapie gekommen.
Dabei ist es kein Widerspruch, wie ich lernen durfte, dass ich andere Menschen bedingungslos wertschätze, die Schönheit in jeder Person sehe – vor allem, wenn sie in Lust kommen, wow! – und dennoch so derart mit mir selbst hadere.
Du brauchst das nicht zu verstehen, um es zu akzeptieren. Der Blick auf sich selbst ist eben ein anderer. Oder würdest Du so hart mit Deinen besten Freunden sprechen, wie Du manchmal mit Dir selbst sprichst?
Eine Frage der Perspektive
Jetzt verstehst Du vielleicht ein bisschen, warum ich bei manchen Bildern zögere.
Mein Blick auf meinen Körper ist verzerrt.
Ich sehe hier nicht das, was Du siehst. Ich sehe die Falten meines Bauches, die im ersten Bild sichtbar sind, und möchte auf Löschen drücken. Denn das ist eine Stelle meines Körpers, die ich bis zuletzt noch versuchte, zu kontrollieren.


Beim Posieren bemerkte ich, dass mein Bauch Falten wirft. Lesenden, denen ich eine Voransicht dieses Textes gezeigt habe, dachten zuerst, das Foto ist falsch eingefügt, da sie den Unterschied im ersten Moment nicht wahrgenommen haben.
Für mich während meiner Störung wirkte jeder Milimeter wie ein leuchtendes Schild, das doch sicher jedem auffallen MUSS… So auch ich in dem Moment am Poolrand. Also habe ich mich gestreckt und voilà, schon sind sie weg, und mein Bauch wirkt anders, versteckt hinterm Oberschenkel.
Dass es immer noch der gleiche Bauch ist, spielt bei den zwanghaften Gedanken im Rahmen einer körperdysmorphen Störung keine Rolle.
Es ist eine Frage der Perspektive, auf mehr als einer Ebene.
Für mich ist es sowohl eine Frage des Marketings als Escort, als auch eine Frage meiner mentalen Gesundheit. Was kann ich entspannt in die Öffentlichkeit geben? Was möchte ich unter Verschluss halten?
Poste ich dieses Bild, auf dem das Weinglas die Kurven verdeckt?

Oder dieses Bild, das mich und meine Rundungen zeigt?

Und wenn ich Bilder wie dieses wirklich teile?! Denn ich weiß, dass die Pose, die nackten Brüste, der laszive Ausdruck oder eben auch das authentische Lachen andere Menschen ansprechen wird. Und das spült meinen Content vielleicht in den Feed von Menschen, die sich bei mir wohl fühlen und mich treffen möchten, auch wenn das Foto nicht so ideal posiert ist… oder eben gerade, weil es nicht so hochglanz-perfekt ist.
Wenn ich es doch teile, retuschiere ich dann die Punkte an meinen Oberschenkeln weg? Diese kleinen Unreinheiten, die im Urlaub ganz natürlich entstanden sind und auch bald wieder weg sind?
Lasse ich kurz die KI meiner Foto-App über mein Gesicht laufen, um meine Haut reiner aussehen zu lassen, als sie gerade ist?
Temporäre Pickel entferne ich durchaus mal – aber wo ist die Grenze zwischen einem kleinen Handgriff und dem Versuch, mich unsichtbar zu machen?
Warum ich diese Bilder trotzdem zeige
Ich hätte es bei einem Newsletter vom 13. Juni 2025 belassen können. Darin war das Best-Of – sorgfältig kuratiert, auch wenn die lachenden Fotos für mich hart an der Grenze waren, da mir mein Gesichtsausdruck darauf nicht so gefällt. Aber nach vielen “Oh, das sind die besten Fotos aus der Serie!” Kommentaren (DANKE für die Ehrlichkeit!), habe ich sie in den Newsletter genommen.
Warum ich nun Deinen Blick genau auf die Stellen und die Bilder lenke, mit denen ich mich nicht wohlfühle, hat einen klaren Grund: Ich mag nicht mehr.
Ich mag einfach nicht mehr.
Seit ich denken kann, habe ich diese zwanghaft negativen Gedanken zu meinem Körper.
Seit ich als Escort arbeite, spüre ich: Mein Körper ist begehrenswert.
Seit ich als Escort arbeite, habe ich die Vielfalt an Körpern lieben und schätzen gelernt.
Und doch bin ich noch nicht geheilt von meiner körperdysmorphen Störung.
Ich weiß, dass meine negativen Gedanken falsch sind. Ich weiß, dass wir alle unterschiedlich sind. Selbst die für mich schönste Person hat Winkel, aus denen sie unvorteilhaft aussieht. Und das ist ihrem Umfeld egal.
Denn wir sind so viel mehr. Unsere Körper sind lediglich eine Facette von uns.
Und es ist an der Zeit, dass ich das auch für mich selbst lebe.
Heilung “in progress”
Im Mai 2025 durfte ich beim INTIM INTENSIV Workshop von Kristina Marlen erstmals auf der somatischen Ebene spüren, dass mein Körper und ich eins sind. Ein Team. Dass wir gemeinsam Gutes tun, im Rahmen meiner Berufung. Dass mein Körper nicht, wie ich das seit über 25 Jahren denke, etwas „Anderes“, etwas Externes ist.
Und dass ich verdammt nochmal die Schnauze voll habe, bei jedem Blick in den Spiegel oder jedem Foto, das ich von mir mache, erst mal kritische Gedanken abwehren zu müssen.
Kurzum: Ich mag nicht mehr.
Das nun zu integrieren, ist ein Prozess, der dauern wird. Es war kein Schalter – klick, geheilt! Über 25 Jahre körperdysmorphe Störung heilen nicht in wenigen Wochen oder den inzwischen zwei Jahren, seit ich wirklich in der Tiefe daran arbeite.
Das auszusprechen, hier auf meinem Blog, wo es jede*r lesen kann, fühlt sich wichtig an.
Es ist ein Erklärungsversuch für etwas, das ich bisher eher verschwiegen habe – und zwar aus Scham.
Der Drache der Scham
Denn ja, ich spüre Scham, wenn ich anderen davon erzählen will. Wie erkläre ich, dass ich ein “Thema” mit meinem Körper habe, wenn ich doch so ein Honorar für ein Treffen mit mir aufrufe?
Das eine schließt das andere nicht aus. Doch unsere Gesellschaft tut sich mit solchen Widersprüchen ungeheuer schwer. Sie einzuordnen, braucht Zeit – Zeit, die in der schnelllebigen Ära, in der nur Headlines gelesen werden, nicht vorhanden zu sein scheint.
Umso dankbarer bin ich Dir, dass Du bis hierher gelesen hast.
Und umso dankbarer bin ich dieser paradiesischen Insel Mallorca, die mich zu diesen Gedanken bewegt hat. Es ist der letzte volle Urlaubstag, an dem ich diese Zeilen tippe. Ich habe mich in den vergangenen zwei Wochen oft ertappt – bei Vergleichen mit anderen, bei kritischen Gedanken zu bestimmten meiner Körperteilen.
Aber auch Momente erlebt, in denen ich die radikale Akzeptanz, die ich für mich erreichen möchte, wirklich gespürt habe. Momente, in denen ich mich angenommen habe, so wie ich gerade bin. Mit Kurven, mit Hautunreinheiten, aber auch mit einem verdammt tollen Hintern, süßen kleinen Brüsten und einem absolut hinreißenden Lachen.
Solche Momente dürfen mehr werden. Ob die negativen oder kritischen Gedanken je ganz verschwinden, kann ich schwer einschätzen. Aber ich möchte sie merklich reduzieren und einen guten Umgang damit finden, wenn sie auftreten.
An manchen Tagen bin ich schon so weit, dass ich sie erkenne, innehalten kann, sie als Gedanken meiner körperdysmorphen Störung identifiziere und dann weiterzuschicken vermag.
Das braucht Übung.
Selbstliebe ist kein Ziel, das Du erreichst, sondern eine Praxis, die Du jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment aufs Neue aktiv tust.
Wie? Dazu teile ich gerne weitere Gedanken. Jetzt bin ich erst mal fertig. Erschöpft, aber froh. Leicht nervös, was die Resonanz auf diesen Text angeht, aber erleichtert. Endlich spreche ich es an. Danke, dass Du Dich damit beschäftigst. Ich freue mich auf Deine Gedanken und Fragen.
Zum Abschluss aber noch ein Foto, das mir auf Anhieb gefallen hat:

Ich weiß nicht, was mein Lieblingsmensch da gesagt hat. Aber ich spüre die Lebensfreude, das Glück und die Dankbarkeit, die ich in dem Moment empfunden habe.
Und damit ende ich nun auch wirklich.
PS: Hoffnungsschimmer
Oder doch nicht. Denn ich habe noch ein wichtiges PS. Die Gedanken zu meinem Körper sind nun endlich leiser geworden. Es ist, als wäre der Regler von voller Lautstärke auf Stufe zwei gedreht. Präsent, aber dumpf. Wie ein Echo, das noch etwas braucht, um zu verhallen.
Möglich wurde das durch viel Therapie, intensives Coaching und Reiki.
Und gleich bin ich wieder auf Mallorca, am gleichen Poolrand, und freue mich darauf, neue Bilder zu machen. Und die werde ich dann auf jeden Fall zeigen!
Umso passender, dass ich mich nun endlich traue, diesen Blog zu veröffentlich. DANKE fürs Lesen!



Danke für diesen ehrlichen und mutigen Text.
Mich hat besonders berührt, dass du den Unterschied zwischen dem Blick auf andere Menschen und dem Blick auf dich selbst so offen beschreibst. Viele kennen Selbstkritik, aber du machst verständlich, wie viel tiefer und belastender eine körperdysmorphe Störung sein kann.
Dass du ausgerechnet die Bilder zeigst, die dir selbst am schwersten fallen, wirkt auf mich nicht wie ein Versuch, perfekt unperfekt zu sein, sondern wie ein echter Schritt in Richtung Heilung. Gerade diese Offenheit macht den Text glaubwürdig.
Besonders hängen geblieben ist bei mir der Gedanke, dass Selbstliebe kein Ziel, sondern eine tägliche Praxis ist. Das ist ein Satz, den ich vermutlich noch öfter im Kopf haben werde.
Ich wünsche dir, dass die Stimme deiner Körperbildstörung immer leiser wird und dass die Lebensfreude, die auf dem letzten Foto so deutlich zu sehen ist, immer häufiger den Ton angibt. Danke, dass du deine Erfahrungen teilst.
Vielen Dank!🫶🙏
Du hast es gemacht und ich empfinde es als toll!
Liebe* Jay,
wenn Du magst, fühle Dich sanft auf die Stirn geküsst.
Verbundene Grüße,
Matthias
Das Thema Freiheit, sich frei fühlen, sich frei fühlen *wollen*, begleitet mich anscheinend fast mein ganzes Leben lang, auch wenn mir das erst vor einigen wenigen Jahren dämmerte. Wahrscheinlich habe ich Dich Jay deswegen nach diesem Text vor meinem inneren Auge auf einer unendlichen, grünen, blühenden Wiese gesehen, einem Zaun der am Horizont schwindet fröhlich entlang gehend, die Blicke in alle Richtungen werfend. Der Zaun ist niedriger als Du es bist. Die Freiheit weht mit der Brise… Wenn ich meiner Psychotherapeutin sage „Ich kann das nicht – so ist meine Natur!“, dann erwidert sie mir „Du willst es nicht.“ Hah, wenn diese Dinger nur so leicht wären…
Das Thema Vergänglichkeit begleitet mich genauso lange. Im Moment sind Ereignisse um mich regelrecht tödlich… Aber auch so, auf der „trivialen“ Seite: Manchmal schaue ich mir mein Gesicht im Spiegel an, erinnere mich an die früheren Jahre und denke: Auf der Straße, wenn wir uns vorbei gingen, ohne uns zu kennen, ohne einen Vertrag zu haben, würden mich diese Menschen nicht mal wahr nehmen. Ich wäre regelrecht wie Orwels unperson. Schwierig…
In einer Facette aber fühle ich mich glücklich: Als ich noch Kind war, als ich noch innere Gespräche fuhr (die ich später bewusst unterdrückt habe), fand ich meinen Körper und meinen Geist als eins, oder als ein Team. Dachte: Hey, Körper, ich werde auf Dich immer aufpassen und versuchen das beste für Dich zu tun – wir sind eine Einheit. Daran hat sich nichts geändert…
Danke Jay! Meine größte Hochachtung für diesen Deinen enormen, mutigen Schritt. Du berührst damit den Zaun. Und die Seelen der Menschen. 🍀
Echt super geschrieben liebe jay
Mir fehlen wahrscheinlich die Worte, die beschreiben, was ich beim Lesen gespürt habe.
Ich probiere es trotzdem, weil ich Deinen Text unfassbar berührend finde. Ich weiß, wie schwer und gleichzeitig befreiend es ist, sich zu öffnen und auf sich selbst zu blicken.
Zu wissen, dass man von sich selbst ein verzerrtes Bild hat und sich dafür nicht selbst zu verurteilen ist viel leichter gesagt als getan. Das verlangt wahnsinnig viel Kraft und schon dafür bewundere ich Dich.
Du hast es geschafft den Regler auf zwei runter zu drehen, selbst wenn es zwischendurch noch mal ein bisschen lauter werden sollte, irgendwann drehst Du ihn ganz leise, da bin ich mir sicher. Warum ich mir da so sicher bin? Du hast Deinen Lieblingsmenschen an Deiner Seite, der – da bin ich mir sicher – mit Feuer und Schwert losziehen würde, um jeden Drachen zu bekämpfen der auch nur ganz in der Ferne an Deinem Horizont auftaucht.
Und auch wenn es klischeehaft klingt, der Körper ist nur eine Facette der Schönheit eines Menschen. Bei Dir sehe ich da unter vielem anderem Deine Zugewandtheit den Menschen gegenüber, und soll ich Dir was sagen, das finde ich noch schöner als Deinen wirklich tollen Hintern und Dein wunderbares Lachen zusammen.
Ganz tief empfundenen Dank, dass Du das mit uns geteilt hast.
Liebe Jay,
Inhaltlich könnte ich einen ganzen Roman zu jedem einzelnen Deiner Sätze schreiben, schließe mich stattdessen meinen Vorkommentatoren an, sorry also für meine spontanen, grundsätzlichen Gedanken: Das ist ein Ausdruck großer innerer Stärke, das „Outing“ über Deine körperdysmorphe Störung in dieser Form zu betreiben. Denn anders als in einem realen Gespräch gibst Du ein stückweit die Gesprächsführung aus der Hand; kannst Du doch die Reaktionen kaum steuern, lässt fremde Stimmen außer Deiner eigenen zu. Aber vielleicht und hoffentlich ist es wie bei manch anderen Ängsten, Zwängen oder Störungen: Je offener darüber geredet wird, je erstaunter stellt man fest, wie weit das jeweilige Problem verbreitet ist. Und man spürt schnell, dass weder eine heutzutage leider gern geübte Pathologisierung noch eine in alten Zeiten angewandte schwarze Pädagogik hilfreich ist. Da ist Dein Text (jedenfalls für mich) hilfreicher. Danke dafür. In diesem Sinne wünsche ich Dir stets empathische Gesprächspartner, wenn es Dir danach sein sollte, darüber zu sprechen.
Mit achtsamen Wünschen bis bald