So sehr ich meine Tätigkeit liebe, bringt sie auch Herausforderungen. Wie in jedem Beruf gibt es auch in einer Berufung Momente, die an die Substanz gehen. Die anstrengend sind. Die, wenn sie sich häuften, die Freude an der Tätigkeit arg schmälern würden. Doch wo liegt die Grenze? Wie viele kleine Schnitte braucht es, bis es zu viel wird?
Was ich erzähle – und was ich für mich behalte
Diese Frage beschäftigte mich im Oktober aufgrund eines konkreten Falls. Ich entschied mich, die weiteren, bereits angezahlten Treffen mit einem Gast abzusagen, den ich schon mehrfach gesehen hatte. Erste Gedanken dazu teilte ich in meinem News-Kanal und bekam viel Empathie – aber auch Nachfragen, was denn genau vorgefallen sei.
Soll ich darauf eingehen? Ein Teil der Gründe, die zu meiner Absage geführt haben, braucht zu viele Nuancen und würden trotzdem noch einige Menschen vor den Kopf stoßen, da sie sich vielleicht selbst darin wiedererkennen. Dabei liegt der Unterschied im Detail: Die Handlungen mögen ähnlich sein, Ton und Art sind jedoch ganz andere. Hier bleibe ich also bewusst vage.
Tropfen für Tropfen
Sagen kann ich: Meine Absage ist über viele kleine Momente gewachsen, die wieder und wieder an meinen Grenzen gekratzt haben. Einzeln wären sie zu verkraften, und auch bei kürzeren Treffen könnte ich das wohl gut verstoffwechseln.
Doch da der Herr und ich uns immer für längere Zeit trafen, bemerkte ich nach und nach, dass diese Kleinigkeiten in mir Unmut und Widerwillen auslösen. Dass ich mich nicht auf Treffen freue, sondern schon vor der Begegnung froh bin, wenn sie vorbei sind. Und das geht für mich gar nicht. Denn das wird meinem Anspruch an mich nicht gerecht.
Zum einen möchte ich in der Dynamik zwischen meinem Gegenüber und mir authentisch sein. Zum anderen möchte ich mich selbst besser behandeln. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich nichts aushalten muss. Dass ich frei wählen kann, mit wem ich Zeit verbringe. Solche Erfahrungen kann ich also aus meinem Leben streichen.
Was hat den Ausschlag gegeben?
Wo meine Grenzen liegen
Einiges klammere ich bewusst aus. Diese Punkte kann ich teilen:
Geruchsfrage
Körpergeruch ist etwas sehr Individuelles. Manche Gerüche empfindest Du vielleicht als angenehmer als andere [1]. Das hat nichts mit Hygiene zu tun – wie ich bei verschiedenen Treffen merkte.
Egal, wie frisch mein Gegenüber geduscht war: Sein Körpergeruch löste bei mir Ablehnung aus. Erlebt hatte ich das bisher erst ein einziges Mal, bei einer einmaligen Begegnung. Diesen Gast traf ich jedoch regelmäßig – und ich merkte, dass es mich zunehmend Überwindung kostete, mich voll auf die körperliche Ebene zwischen uns einzulassen.
Der Nerv-Faktor
Jeder Mensch ist einzigartig und wunderbar! Und wir alle haben unsere Macken. Auch ich habe ein paar Angewohnheiten, die andere im Umgang mit mir sicher nerven. Meistens bin ich sehr gut darin, mein Gegenüber so zu akzeptieren, wie er oder sie ist, und diese Einzigartigkeit für die Dauer eines Treffens auch zu schätzen.
Bei diesem Gegenüber merkte ich eine Häufung von Momenten, die mir einfach auf den Keks gingen. Ich dachte, ich könnte mich wie sonst auch darauf einstellen. Ein bisschen Zeit zum Eingrooven braucht es eben. Das klappte in diesem Fall aber auch nach mehreren Treffen nicht. Der Nerv-Faktor blieb bestehen.
Der Hauptgrund
Der größte Punkt, warum ich dem Gast absagen musste, waren Muster in unserer Kommunikation, die für mich sehr grenzüberschreitend waren.
Ein Beispiel: Wir kochen gemeinsam und unterhalten uns locker. Er fragt viel und gerne, doch schafft es selten, meine Antworten bis zum Ende zu hören. Dass er mich oft unterbricht, nehme ich inzwischen gelassen. Respektvoll ist das zwar kaum, doch bei anderen Menschen komme ich damit gut zurecht.
Manchmal fragt er dann aber penetrant nach sehr persönlichen Dingen, etwa meiner Essstörung. Darüber erzähle ich durchaus ehrlich, auch wenn es nie mein Lieblingsthema sein wird. Wenn ich merke, dass aufrichtiges Interesse da ist, gebe ich gerne Einblicke.
Seine Art zu fragen ist jedoch für mich sehr unangenehm. Und weil er mich ohnehin selten ausreden lässt, weiß ich: Die Komplexität des Themas kann ich ihm so kaum vermitteln. Außerdem kochen wir gerade, und meine Essstörung ist ein Thema, das ich vom Essen fernhalten möchte. Ich antworte also knapp und sage ihm, dass ich im Moment nicht weiter darüber reden möchte.
Wie hättest Du reagiert? Kurz genickt und dann das Thema gewechselt? Nicht so er. Er nickt, scheinbar in Zustimmung. Eine Sekunde später fragt er trotzdem nach. Ich wiederhole: Über dieses Thema möchte ich gerade nicht sprechen.
Dann kommt noch eine Frage. Und noch eine, als ich schweige. Anstatt mein sehr deutliches Nein zu akzeptieren, hinterfragt er es. Und auch dieses Muster kannte ich bereits von ihm.
Meine Grenzen behandelt er nicht als Linien, die ihn abweisen, sondern wie Vorschläge, die sich ignorieren lassen. Früher habe ich das hingenommen. Heute bin ich mir mehr wert.
Schlussendlich war es eben dieses Muster, das mich zur Absage bewogen hat.
Seine Reaktion
Als ich meine Absage per E-Mail kommunizierte, war er natürlich betroffen. Er bat um ein Telefonat, hatte aber in der E-Mail schon einfließen lassen, dass er mich ja trotzdem unbedingt noch gerne weiter treffen würde und wir uns wenigstens noch zu seinem Geburtstag nächstes Jahr treffen könnten. Da habe er sich so darauf gefreut, und darüber könnten wir ja am Telefon noch einmal sprechen.
Auch hier nimmt er meine Grenze nicht ernst, sondern geht in die Verhandlung. Immerhin kann ich ihn so im Gespräch ganz konkret darauf hinweisen. Dann kann er hoffentlich verstehen, was meine Entscheidung beeinflusst hat, und sich in Zukunft stärker reflektieren, bevor er die Entscheidungen anderer Menschen infrage stellt.
Nach dem Telefonat
Diese Zeilen schreibe ich nach unserem Gespräch. Er zeigte sich sehr einsichtig und ist sich auch seiner Tendenz bewusst, Grenzen zu überschreiten. Gerade ich weiß, wie viel Zeit und Energie es braucht, solche Verhaltensweisen langfristig zu ändern. Ich habe aber für mich festgestellt, dass ich nicht sein Versuchskaninchen oder Trainingscamp sein möchte.
Dann fiel ein Satz, der alles besiegelte: „Wenn Du in zwei, drei Jahren alle Deine Probleme gelöst hast… Darf ich dann nochmal nachfragen?“
Wieder respektiert er meine Grenze nicht. Wieder versucht er, sie auszuhebeln, zu umgehen, einen Sonderfall zu etablieren.
Ja, ich habe Probleme, die ich in Therapie bearbeite – etwa die Nachwirkungen meiner Essstörung oder Reste meiner körperdysmorphen Störung. Mit meiner Absage haben sie nichts zu tun.
Im Gegenteil: Eher haben meine psychischen Belastungen dafür gesorgt, dass ich so lange an den Treffen festgehalten habe – statt ihm schon nach dem zweiten zu sagen, dass ich ihn nicht wiedersehen möchte. Dass ich mich heute endgültig von ihm verabschiedet habe, zeigt mir, wie weit ich gekommen bin. Und nein, auch in fünf oder zehn Jahren möchte ich ihn nicht wiedersehen.
Dabei wünsche ich ihm wirklich von Herzen alles Gute. Ich wünsche ihm, dass er einen Weg für sich findet, seine Grenzüberschreitungen zu reflektieren, bevor sie ihm über die Lippen kommen. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er eine Person in seiner Nähe findet, die ihm ähnlich wunderbare Momente beschert wie ich. Die ihn auf Ausflüge entführt und ihm zeigt, was sexuell alles noch in ihm steckt, auch im höheren Alter.
Denn er ist und bleibt eine gute Seele. Das, was für mich nicht gepasst hat, war keinesfalls böswillig oder vorsätzlich von ihm. Ich weiß aus unserem Kontakt, dass er wirklich nur das Beste für mich möchte und es ihn sehr schmerzt, dass er mich so verletzt hat.
Ihn auf seinem weiteren Weg zu unterstützen, ist die Aufgabe anderer. Wir Sexarbeitenden können zwar vieles leisten, aber manches müssen Menschen mit sich selbst ausmachen oder mit Unterstützung von Fachleuten anderer Disziplinen klären.
In diesem Sinne: Wenn Du Dich selbst in manchen Momenten wiedererkennst, ermutige ich Dich, Dich selbst zu reflektieren. Das ist der erste Schritt, um Verhaltensweisen zu ändern. Ich selbst weiß, wie schwierig es ist, Muster zu erkennen und aufzubrechen. Doch der Weg ist es wirklich wert!
Und ich bin verdammt stolz, dass ich diese Grenze für mich gezogen habe.
Fußnoten:
[1] Ich habe noch im Kopf, dass Gene des Immunsystems (MHC) den Körpergeruch prägen und darauf hindeuten, dass Menschen biologisch inkompatibel sind. Eine Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass sich kein signifikanter Zusammenhang zeigt, was die menschliche Partnerwahl angeht. [1a] Menschen, zwischen denen es auf Anhieb auf freundschaftlicher Ebene gefunkt hat, riechen einander ähnlicher. [1b]
[1a] Havlicek, J., Winternitz, J. & Roberts, S. C. (2020): „Major histocompatibility complex-associated odour preferences and human mate choice: near and far horizons“. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 375(1800). https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7209936
[1b] Ravreby, I., Snitz, K. & Sobel, N. (2022): „There is chemistry in social chemistry“. Science Advances, 8(25). DOI: 10.1126/sciadv.abn0154
Beitragsbild: Ingo Zöll


