Mit einem Betroffenen zurück an den Ort des Geschehens. Das ist definitiv eine Art von Treffen, die ich niemals mit Escort in Verbindung gebracht hätte. Und doch stehe ich hier, an einem kalten Februartag im Nieselregen, und blicke auf ein ehemaliges Kinderheim. Hier hat sich vor vielen Jahrzehnten Grauenhaftes ereignet.

Pärchen im Regen unter Regenschirm, im Comic Stil

Image by Gerd Altmann from Pixabay

Wie Sexarbeit bei Trauma helfen kann

Meine Begleitung kenne ich bereits. Schon in seiner allerersten E-Mail an mich offenbarte er, dass er einer von über 3600 anerkannten Betroffenen von sexueller Gewalt im Kontext der katholischen Kirche ist. Inzwischen ist er Witwer und möchte nach Jahren der Enthaltsamkeit zurück ins Leben. 

Mich begeistert seine Stärke, sein Kampfgeist (er setzt sich seit 15 Jahren beim Eckigen Tisch e.V. für die Aufarbeitung von Fällen wie seinem ein) und die Präsenz, die er in Begegnungen hinein bringt.

Er ist weit weg vom Klischee des gebrochenen Opfers, auch dank langjähriger Traumatherapie. 

Gleichzeitig ist mir wichtig zu sagen: Sein Umgang mit dem Erlebten ist ungewöhnlich. Nicht jede betroffene Person würde diesen Weg wählen oder wählen können. Diese Begegnung ist keine Blaupause für den Umgang mit Trauma – sondern eine sehr persönliche Geschichte.

Dass er gemeinsam mit mir wieder Nähe und Zärtlichkeit spüren und vor allem genießen kann, ist wunderbar. 

Er ist nicht der einzige Mensch mit Traumavergangenheit, den ich kenne oder gar treffe. Wenn Sexkaufgegner*innen von Trauma sprechen, beziehen sie es immer auf Sexarbeitende wie mich. Wir seien ja alle traumatisiert. 

Was sie nicht sehen, ist das stärkende, gar heilende Potential von Sexarbeit. Sowohl für die Menschen, die mit uns einvernehmliche, selbstbestimmte Sexualität leben, als auch für uns, die Grenzen setzen und uns unserer Körper ermächtigen. 

Vielleicht sind mehr Sexarbeitende von sexuellem Trauma betroffen als andere Berufsgruppen. Das heißt aber nicht, dass immer die Sexarbeit daran Schuld ist. In einigen Fällen ist sie essentiell für den Heilungsweg der betroffenen Person.

Zeitreise ins Positive

Zurück zum kalten Februartag bei Nieselregen. Mein Begleiter führt mich entlang der Mauer und zeigt auf sein ehemaliges Zimmer, dessen Lage er noch genau weiß. Hinter dem Gebäude sieht der Spielplatz ganz anders aus, weckt aber doch Erinnerungen. Und zwar freudige. 

Denn nein, er ist nicht hier, um das Grauen zu betrachten. Das hat er bereits aufgearbeitet.

Seine Motivation, die Orte zu besuchen, ist sich das Schöne, was er dort erlebt hat, wieder bewusst zu machen. Und dann mit diesen Orten voll und ganz abschließen zu können. 

Auf seinem Weg zurück ins Leben ist das ein wichtiger Schritt. Ich sehe sein ehrliches Lächeln, als die Erinnerungen hoch kommen. Merke, wie gelöst er ist, als wir wieder im Auto sitzen und zum zweiten Ort fahren. Und bin tief berührt, dass ich dabei sein darf. 

Zu diesen Momenten gehören nicht nur die Besuche an den alten Orten. Auch unsere Gespräche, gemeinsame Restaurantbesuche oder einfach nebeneinander einzuschlafen gehören für ihn zu den besonderen Erinnerungen dieser Zeit. Kleine, ruhige Momente, die zeigen: Nähe kann wieder leicht sein.

Meine Rolle ist es zu bezeugen. Rückhalt zu geben. Nah zu sein. Zu zeigen, dass selbstbestimmte Sexualität möglich ist. Dass wir selbst entscheiden können. Dass wir nun erwachsen sind und sicher in unseren Körpern. 

Ich könnte noch so viel mehr sagen. Der Blick der Gesellschaft auf Trauma und Sexualität, auf Trauma und Sexarbeit, ist klischeebehaftet und geht an der komplexen Realität vorbei. Zu komplex, um sie in einem kurzen Blog zu erfassen.

Hoffentlich schaffen es diese Zeilen, einen kleinen Einblick zu geben. Und Hoffnung zu spenden. Denn ja: Es ist möglich, Trauma zu überwinden. Auch besonders Grausames. 

Und falls Dich diese Zeilen berührt haben und Du Betroffene unterstützen möchtest, freut sich der Eckige Tisch e.V. über Deine Spende. 

2 Kommentare

  1. Grauwolf 8. März 2026 at 11:46 - Reply

    Guten Tag Jay.
    Ich denke dieses Treffen hat auch dich tief bewegt. Das du dich dem gestellt hast Hochachtung. Deine Präsenz ist für viele Menschen sehr wichtig. Ich denke du hast bei diesem Treffen auch etwas von deinen inneren Konflikten empfunden ,die ja wie du gesagt hast immer noch in dir sind. Ich finde es gut dass du dich meu aufstellen möchtest. Vor allem die Zeit für dich selbst mehr in den Focus stellst. Ich glaube an dich und bin in Gedanken bei dir. Fred bis bald.

  2. Christoph Küsell 8. März 2026 at 14:02 - Reply

    Für mich nachvollziehbar, daß Du dafür der Richtige Mensch bist!

    Der Begriff „Escort“, „Sexarbeiter“ wird dem nicht gerecht, sehe Dich eher als „Sebstbestimmungsbegleiter“, „Aufbaubegleiter“, „Therapiebegleiter“, „Nahbarkeitsbegleiter“,….. es ist schwer einen aussagekräftigen Begriff dafür zu
    finden.
    Demjenigem wünsche ich alles Gute!

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