An sich schaue ich „Die Anstalt“ gerne. Besonders Claus von Wagner schätze ich sehr – ein Besuch bei seinem Live-Auftritt in Hanau hat das nur bestärkt. Als ich dann sah, dass sich die Sendung dem Thema Prostitution angenommen hatte, spürte ich echte Vorfreude. So smarte Kabarettisten wie Max Uthoff und Maike Kühl würden doch schaffen, woran so viele scheitern: einen differenzierten, kritischen Blick auf Sexarbeit werfen.

49 Minuten später saß ich da und starrte auf meinen Bildschirm.

Was sich in dieser Zeit zutrug, war ein Wiederkäuen bekannter Narrative von Prostitutionsgegner*innen – inklusive aller Formulierungen, die eins für’s Sexwork-Bullshit-Bingo braucht.

Das Setting der Sendung

Maike Kühl mimte eine Vertreterin des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen, BesD e.V., in dem auch ich Mitglied bin. Max Uthoff wechselte zwischen Reisebüro-Mitarbeiter, der einem französischen Sextouristen zeigte, wie einfach man(n) hier in Deutschland „Frauen kaufen“ könne, und Herrn Merz, der aus den Empfehlungen des Familienministeriums für Sexarbeitende las.

Wenigstens brachte Teresa Reichls Beitrag etwas Bewusstsein für Fatshaming in die Sendung – als Überlebende von Essstörung und Schlankheitswahn begrüße ich das ausdrücklich. Und es gab einen Moment, an dem ich laut auflachen konnte.

Dann kam der Rest.

Und zum Abschluss verarbeitete Max Uthoff in einer Therapie-Sitzung, dass er nun zur gleichen Meinung wie die CDU gekommen ist – nämlich für das Nordische Modell. Dass die Kabarettisten der „Anstalt“ ihre Rollenspiele innerhalb der Sendung verarbeiten und damit nochmal tiefer gehen, ist wichtig. Doch die Ironie, dass ausgerechnet Uthoff mit seiner Meinung in bester CDU-Gesellschaft landet, hat mich dann doch noch zum Lachen gebracht.

Leider war der Großteil der Sendung wirklich miserabel recherchiert. Dass Journalist:innen wenig Zeit für Recherche bleibt, ist leider so. Das habe ich in den zwei Jahren, als ich für eine Lokalzeitung tätig war, am eigenen Leib erleben dürfen. Doch von einem so großen Format wie der „Anstalt“, mit Writer’s Room und Zeit für ein hübsch gelayouteten Faktencheck, erwarte ich mehr.

Einseitige Berichterstattung verstärkt das Stigma, das Sexarbeit eh schon anhaftet – egal ob sie im Boulevardblatt oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen passiert.

Hier ein paar Fakten. Weitere Aspekte findest Du im offenen Brief des BesD e.V. (genauer Link folgt noch).

BesD e.V. als Sprachrohr der Branche

Die Sendung präsentiert den BesD e.V. als Lobbyverband von Sexarbeit im Allgemeinen. Doch das ist falsch. Als größte Organisation Europas von Sexarbeitenden setzt sich der Verband für bessere Arbeitsbedingungen ein. Mitglied werden dürfen ausschließlich Sexarbeitende – keine Betreibenden.

Sozialversicherung für Selbstständige

Ein großer Aufhänger der Sendung waren die nur 50 Prostituierten, die sich nach Einführung des Prositutiertenschutzgesetzes von 2017 bisher sozialversichert haben. Tja, Sexarbeit ist eine selbstständige, gewerbliche Tätigkeit. Sozialversicherung gibt es im Angestelltenverhältnis. Selbst, wenn sich eine Sexarbeiterin in einem Bordell fest anstellen ließe, hätten die Betreibenden rechtlich gesehen keine Weisungsbefugnis. Sexarbeitenden handeln ihre Services nur mit der Kundschaft aus. Somit macht es weit mehr Sinn, selbstständig tätig zu sein – was die meisten Sexarbeitenden auch tun. 

Zimmermieten im Kontext

Die Sendung nennt 150 € Tagesmiete für ein Laufhauszimmer als Beleg für Ausbeutung. Laut BesD liegt der Durchschnitt eher bei 120 € – aber selbst 150 € relativieren sich schnell, wenn man sie mit anderen tageweise buchbaren Arbeitsorten vergleicht. Mietbüros kosten ähnlich viel.

Und noch wichtiger: Ein fester Tagesmietpreis ist für die meisten Sexarbeitenden die bevorzugte Variante. Die Alternative – prozentuale Abrechnung – landet am Ende oft bei deutlich höheren Beträgen. Das weiß man nur, wenn man uns fragt. 

Freierforen als Schreckgespenst

Wie in jeder Prostitutionsdebatte üblich, zitiert auch die Anstalt aus Freierforen – ohne Quellenangabe im Faktencheck-Dokument.

Falls Du mein Interview mit Harriet Langanke gesehen hast, weißt Du, wie wenig Beweiskraft solche Kommentare in anonymen Onlineforen haben. Selbst wenn diese Kommentare aber die Realität wiederspiegeln und nicht lediglich ein Profilierungsversuch des jeweiligen Users sind, oder gar frei erfunden von Autor*innen der Anstalt, so zeigt die fehlende Quelle im „Faktencheck“ wirklich schludriges Verhalten.

Es gäbe zur Anstalt noch viel mehr zu sagen, doch ich habe mich schon genug aufgeregt. Ein Thema möchte ich jedoch noch erwähnen – da es mich selbst mit betrifft.

Armut als Problem – Sexarbeit als Lösung

Gegen Ende kritisieren die Kabarettisten eine Handreichung des Deutschen Journalist:innen Verbandes DJV. Ziel des Dokuments: Journalist*innen zu befähigen, differenziert über Sexarbeit zu berichten, statt alles mit Zwang und Ausbeutung gleichzusetzen.

An dieser Handreichung habe ich mitgewirkt. 

Deshalb weiß ich auch, dass das genutzte Zitat – „Sexarbeit ist nicht das Problem. Sondern die Lösung“ – vollständig aus dem Kontext gerissen wurde. Es stammt aus dem Podcast „Geliebte auf Zeit“ vom 21. November 2024 und beschreibt, warum der Begriff „Armutsprostitution“ in seriöser Berichterstattung nichts verloren hat. Menschen entscheiden sich bewusst für Sexarbeit, um Geld zu verdienen – wie so ziemlich jede andere Person, die Lohnarbeit nachgeht.

Die Frage nach Freiwilligkeit in einem kapitalistischen und patriarchalen System ist komplex. Von Max Uthoff und Maike Kühl hätte ich erwartet, dass sie sich mit Begeisterung in diese Komplexität reinknien. Stattdessen plaudern sie nach, was die Anti-Prostitutions-Bewegung schon zigmal gesagt hat.

Die Anstalt spricht über uns statt mit uns. Das wäre auch in Satire möglich gewesen.

Wo es besser geht – und wo Du dabei sein kannst

Wer tiefer einsteigen möchte, dem empfehle ich:

Und wer Sexarbeit aus erster Hand begegnen möchte: Ab dem 14. Mai läuft in Frankfurt die Ausstellung „SexWorkers“. Anfang Juni folgt die Aktionswoche zum Internationalen Hurentag, bei der auch ich beteiligt bin. Manche Events sind auch online zugänglich – und sicherlich realitätsnäher als die Anstalt.

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