Im Licht der herunterbrennenden Kerzen packe ich zusammen. Hotelschlüssel. Kraftkarten, die ich aufgedeckt habe. Ein Buch aus dem Regal des Coaches, das meine Aufmerksamkeit erregte.

Dann fällt mein Blick auf den Stapel der restlichen Kraftkarten. Die oberste zieht mich förmlich zu sich. Anders kann ich es nicht beschreiben – auch wenn das für Dich verrückt klingen mag.

Ich drehe sie um … und lache laut auf.

Es ist die Karte der Geduld.

Warum ich selbst zum Coaching gehe

Okay, kurz zurückspulen. 

Was bitte mache ich – Jay, Independent Escort und Supportive Sexworker, in Ausbildung für Sexualtherapie – bei einem Coaching?

Ich werde jetzt mal verdammt ehrlich.

Wenn Du mich weiterhin nur als Escort in Deinem Kopf behalten willst, die mit Menschen eine wunderbare Zeit erlebt, dann höre jetzt auf zu lesen.

Hinter dem Bild der selbstbewussten Escort steckt ein ganz normaler Mensch. Ein Mensch mit Themen. Mit inneren Kämpfen. Ich mache kein Geheimnis aus meiner Geschichte mit Depressionen und Essstörungen. Doch wie meine aktuellen Prozesse aussehen, habe ich bisher nur an einer Stelle wirklich geteilt – in einem einzigen Video auf Patreon.

Das wird sich ändern. Aber alles der Reihe nach.

Im Mai 2025 war ich erstmals bei Demazer, einem Coach, der Menschen aus ihren selbstgebauten inneren Labyrinthen begleitet. In einer intensiven Tagessitzung mit Vorgespräch habe ich einen fehlenden Teil von mir selbst wiedergefunden. Zum ersten Mal fühlte es sich an, als stünde ich wirklich auf der Zielgeraden meines Heilungsweges.

Denn auch wenn ich meine Depression überwunden habe, ist da noch ein tief verankertes Thema rund um Körperbild und Selbstwert, das Heilung braucht. Versteh mich nicht falsch: An sich geht es mir so gut wie noch nie im Leben. Ich bin wirklich glücklich. Und trotzdem gibt es einen Bereich in mir, der noch Aufmerksamkeit und Fürsorge verlangt.

Im September 2025 wollte ich daran weiterarbeiten. Doch das Leben kam dazwischen. Ich hatte schlicht keine Bandbreite, mich in dieser Tiefe mit mir selbst zu beschäftigen. Also verschob ich auf Januar – und machte zwei Tage daraus.

Was ich aus dem Coaching mitnehme

Das war auch gut so. Denn wir hatten viel zu tun. Arbeit an sich selbst ist eben genau das: Arbeit.

Ich hatte das Gefühl, kurz davor zu stehen, den letzten Schritt zu machen. Alte Glaubenssätze endlich loszulassen. Den Sprung zu wagen in eine Welt jenseits des tief verankerten Themas.

Konkreter kann und will ich hier nicht werden, ohne ein riesiges Fass aufzumachen. Deshalb musst Du Dich mit diesem groben Umriss begnügen.

Und hier kommt die Karte ins Spiel, die ich am Abend des ersten Coaching-Tages zog: Geduld.

Mit einer Definition, die mich unerwartet traf:

„Geduld ist das Wissen und die Akzeptanz, dass sich alles zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort für Dich ereignen wird. Bis dahin lehne Dich zurück und entwickle Dich in Deinem Rhythmus.“

Wie Du Dir denken kannst: Ich habe den Sprung nicht gemacht. Er ist noch nicht dran. Bevor ich mich den letzten Belastungen meiner Psyche widmen kann, darf ich erst etwas anderes lernen.

Ich habe klare Hausaufgaben bekommen, werde einen Folgetermin für April, Mai oder Juni ausmachen – und darauf vertrauen, dass sich alles zum richtigen Zeitpunkt fügt. Auch wenn mein ungeduldiges Ich dabei bockig in der Ecke sitzt.

Was das für meine Online-Präsenz bedeutet

Warum teile ich das alles überhaupt? Und warum hier – auf meinem Escort-Blog?

Weil mir durch das Coaching klar geworden ist, wie ich 2026 mit meiner Online-Präsenz umgehen möchte.

Die Realität ist: Die Luft für Sexarbeitende im Internet wird rauer. Im November 2025 wurde mein Twitter-Account gesperrt. Kurz darauf folgten weitere Kolleg*innen. Auch Instagram erwischte mich vor wenigen Tagen.

Also alles aufgeben und mich nur noch auf YouTube konzentrieren? Nein. Meta und X zu verlassen würde sich wie Kapitulation anfühlen. Gleichzeitig kann und will ich dort nicht permanent aktiv sein und dabei auf einer Gratwanderung ständig das Risiko eingehen, gelöscht zu werden.

Ich bin noch kein Sexualberater. Noch kein Sex Coach, der anderen Tipps geben kann. Mich so zu positionieren, fühlt sich nicht stimmig an. Als „in Ausbildung“ sichtbar zu sein? Vielleicht. Aber auch das greift zu kurz.

Der eigentliche Aha-Moment war ein anderer:

Ich muss mich erst um meinen eigenen Heilungsweg kümmern, bevor ich andere unterstütze.

Deshalb wird es vorerst keine neuen Escort-Profile auf Meta oder X geben, in denen ich über die Branche aufkläre. Auch kein neues Coaching-Profil.

Ich werde mich als „Hobby Model“ positionieren und Wege finden, Menschen behutsam in meinen News-Kanal und auf YouTube zu führen. Für alles andere habe ich zwei Accounts, auf denen ich als Content Creator aktiv bleiben kann – ohne mich oder diese Räume durch meine Escort-Identität angreifbar zu machen.

Mehr dazu an anderer Stelle.

Jay wird persönlich

Und noch etwas wird folgen: ein Raum, in dem ich meinen Heilungsweg teile. Dieser Impuls kommt seit Monaten immer wieder hoch. Ich habe ihm kürzlich nachgegeben und einen sehr persönlichen Post geteilt – der mir auf Instagram vermutlich zum Verhängnis wurde. In meinem Telegram-Kanal ist er noch zu finden.

Wie genau ich diesen Weg öffentlich gestalte, ist noch nicht ausgereift. Sicher ist nur: Ich werde ihn nicht mit meinem Escort-Inhalt vermischen – abgesehen von wirklich relevanten Überschneidungen wie dieser hier.

Wenn der Zeitpunkt da ist, werde ich darüber sprechen. Und Du kannst entscheiden, ob Du mich auf diesem Weg begleiten möchtest.

Für diesen Blog und den Newsletter ändert sich nichts. Hier kann ich weiterhin schreiben, was ich möchte. Innerhalb der Grenzen des Jugendschutzes, versteht sich 😉

In diesem Sinne: auf ein neues Jahr! Eines, in dem ich eine neue Definition von Geduld annehme und mich in meinem Rhythmus entwickle. 

16 Kommentare

  1. W. 18. Januar 2026 at 08:50 - Reply

    Liebe Jay, deine Offenheit ist bewundernswert. Ich jedenfalls werde immer bei dir sein, weil du mir, seit wir uns kennen, so viel gegeben hast. Diese Stunden mit dir, auch die Overnight-Sessions, haben mich so stark, auch innerlich berührt. Nicht nur im BDSM-Bereich sondern auch die Gespräche und das Kuscheln mit dir war ein Erlebnis.
    Ich kann nur sagen. Bleib dir treu und Geduld ist eine Tugend, die sehr wichtig ist. Mir geht diese Tugend manchmal auch ab. Du bist eine tolle und liebenswerte Frau.
    Dein W. dankt dir von ganzem Herzen.

    • jay 18. Januar 2026 at 15:22 - Reply

      Danke Dir ganz herzlich für Deine Worte, lieber W.!

  2. Grauwolf 18. Januar 2026 at 09:13 - Reply

    Guten Morgen.
    Ich wünsche dir viel Mut und Kraft auf deinem Weg. Ich werde dich unterstützen in dem du weißt das ich an dich denke und hier für dich da bin. lch habe sehr große Hochachtung für dich.

    • jay 18. Januar 2026 at 15:22 - Reply

      Vielen herzlichen Dank!

  3. Jürgen 18. Januar 2026 at 10:09 - Reply

    X zu verlassen ist keine Kapitulation, ganz im Gegenteil. Auf X zu bleiben ist Unterstützung für Elon. Wenn alle Demokraten diese Plattform verlassen, wird sie bedeutungslos.

    • jay 18. Januar 2026 at 15:22 - Reply

      Hoffentlich ist das auch bald der Fall! Wenn es zumindest eine gute Alternative gäbe o.O Aber selbst der Blaue Himmel lässt irgendwie zu Wünschen übrig, in meiner Erfahrung 🙁

      • Jürgen 19. Januar 2026 at 13:08 - Reply

        Stimmt, aber die Alternative entsteht nicht von alleine. Wenn wir halbherzig bei X und Meta bleiben, wird sie nie entstehen. Mich begeistern Mastodon und Bluesky auch nicht, aber daraus könnte etwas werden.

  4. Christoph 18. Januar 2026 at 10:31 - Reply

    Liest sich Alles nach einem Plan und das ist gut. Deine vorübergehende Positionierung auf Meta und X erscheint mir nachvollziehbar zu sein. Mit den Ressourcen zu haushalten macht ebenfalls Sinn. Wieder erneute Sperren würden mich ebenfalls runterziehen.
    Geduld ist ebenfalls nicht meine Stärke, denke immer die Menschheit meint, daß das Leben unendlich ist und nimmt sich Zeit für alles über Gebühr. Sie nimmt mir meine Lebenszeit, die durch meine Progression nicht besser wird.
    Trotzdem kann man vieles nicht beschleunigen, dann ist das eben so.

    Abgesehen von der „Geduld“ brauchen andere Entwicklungsschritte vermutlich tatsächlich Zeit für Entwicklung und sich bereit zu fühlen.

    Denke Du bist gut aufgestellt auch ohne X und Meta. Du hast bisher viel bewegt……, bleib „ruhig Brauner“ sage ich mir immer….

    Genieße den Sonntag

    • jay 18. Januar 2026 at 15:24 - Reply

      DANKE DIR ganz herzlich!
      Da diese Themen ja schon einige Jahrzehnte in mir präsent sind, kann ich auch verstehen, dass die Heilung etwas dauert 😅

  5. Peter 18. Januar 2026 at 10:47 - Reply

    Jay, du bist echt mutig, dass du dich öffnest und über deine Erfahrungen sprichst. Es klingt, als hättest du einen wichtigen Schritt gemacht, um dich selbst besser zu verstehen und zu heilen. Dein Entschluss, dich auf deinen eigenen Weg zu konzentrieren und deine Online-Präsenz anzupassen, ist super verständlich. Du verdienst es, dich wohl und sicher zu fühlen.

    Ich bin hier für dich, Jay. 💛

    • jay 18. Januar 2026 at 15:25 - Reply

      Vielen Dank, lieber Peter!

  6. Klaus Kuhn 18. Januar 2026 at 12:29 - Reply

    Es wird schwieriger. Das sehe ich nicht nur bei dir. Ich kann dir hier nur viel Glück und Erfolg wünschen. 🙂

    • jay 18. Januar 2026 at 15:25 - Reply

      Danke Dir!

  7. Peter Kaping 18. Januar 2026 at 13:53 - Reply

    Danke für Dein Vertrauen.

    Was ich in Deinen Zeilen spüre, ist kein Stillstand, sondern bewusste Selbstfürsorge. Du erkennst, dass der letzte Schritt nicht erzwungen werden kann – und dass Geduld gerade jetzt Teil Deiner Heilung ist. Das ist keine Schwäche, sondern Reife.

    Dass Du Dich schützt, Deine Online-Präsenz neu ordnest und Deinen eigenen Weg priorisierst, wirkt stimmig und verantwortungsvoll. Du verleugnest nichts, Du setzt Grenzen.

    Glücklich zu sein und noch ein Thema zu haben, darf gleichzeitig existieren. Du bist nicht zu langsam – Du gehst in Deinem Tempo. Und genau das fühlt sich richtig an.

    Einen schönen Sonntag

    • jay 18. Januar 2026 at 15:26 - Reply

      Vielen herzlichen Dank!

  8. Hans-Peter Bischof 19. Januar 2026 at 06:24 - Reply

    Liebe Jay . . . ich finde es sehr mutig, deine Gedanken und Gefühle offen zu zeigen. Ich danke dir für dein Vertrauen und möchte dir hiermit sagen, dass du in mir einen Unterstützer gefunden hast. Egal in welcher Beziehung. Du hast mir bis jetzt und ich hoffe auch in der Zukunft schon so viel gegeben. Ich weiß nicht, ob dir das klar ist . . . Du bist meiner Meinung nach ein besonderer Mensch, der auf einen zugeht ihn an die Hand nimmt und begleitest. Es scheint Deine Berufung zu sein, anderen Menschen zu helfen und ich hoffe dass du Menschen kennst, die Dir in bestimmten Sitzationen beiseite stehen und Dich unterstützen. Du darfst in mir so einen Menschen sehen . . . Das ganze Leben ist von solchen und anderen Begebenheiten voll. Sie werden aber nur wichtig, wenn Du ihnen die Wertigkeit gibst die sie verdienen. Also hör auf dein Bauchgefühl, mach so weiter wie du es für Richtig hällst. Du musst für Dich den richtigen Weg finden ihn verfolgen und glaube mir dann wird es für Dich die richtige Entscheidung sein. Das ist das wichtigste . . . Dein Spiegelbild. Danke nochmals dass ich dich kennenlernen durfte.

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